Kann die US-Notenbank noch ihre Zinswende beginnen?

© Gina Sanders / Fotolia.com

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“Wirtschaft-vertraulich”:

Liebe Leser,

in der Haut der amerikanischen Notenbank möchte wohl kaum jemand jetzt stecken. Vielleicht haben Sie sich als Anleger in den letzten Tagen auch verwundert die Augen gerieben, was da aus Washington an Statements kam. Das klang alles überhaupt nicht mehr danach, als wenn die Hüter des US-Dollar von der seit Monaten avisierten Zinswende überzeugt sind.

Um es noch einmal ganz kurz aufzufrischen: Zuerst hieß es, dass höhere Zinsen nur möglich sind, wenn sich der Arbeitsmarkt entsprechend erholt. Die US-Notenbank Fed hatte dafür sogar ganz konkrete Zahlen als Ziele ausgegeben. Als diese in greifbare Nähe kamen oder sogar schon erreicht wurden, hieß es, dass man sich bei einer Entscheidung zur Zinsanhebung auf einen größeren Strauss an Indikatoren fokussieren sollte.

 

Viel versprochen, oft vertröstet

Ok, der Markt wartete ab. Die Indikatoren verbesserten sich und im Frühjahr schien die Zeit reif. Doch dann kamen die Zahlen aus einem sehr schwachen ersten Quartal auf den Tisch, was zwar saisonal und wetterbedingt begründet werden konnte, aber eben für einen weiteren Aufschub sorgte.

Doch auch im Sommer wurde es nichts mit der prognostizierten Zinswende, weil die Fed-Leute die Makrodaten noch weiter bestätigt haben wollten. Aus ähnlichen Gründen ließ man auch die letzte Gelegenheit im September verstrichen und orientierte den Markt nun auf spätestens Dezember.

 

Hat sich das Fenster für eine Zinswende bereits geschlossen?

Doch immer mehr Markteilnehmer sind sich sicher, dass auch dieser Termin ungenutzt verstreichen wird. Denn mittlerweile zeigt die US-Wirtschaft zumindest in einigen Indikatoren zunehmende Abnutzungserscheinungen. Zumal auch das globale Umfeld mit der immer gefährlicheren Nahost-Krise (Israel, IS, Syrien etc.) und der konjunkturellen Abkühlung in China wieder eingetrübt wurde.

Da stellt sich bei immer mehr Investoren die Frage, ob die Fed nun bis ins nächste Jahr hinein abwarten wird. Wobei zunehmend die Sorge aufkommt, dass die US-Notenbank womöglich das im Frühjahr/Sommer dieses Jahres mögliche Fenster fälschlicherweise hat verstreichen lassen.

 

Fed setzt eigene Handlungsmöglichkeiten aufs Spiel

Denn Tatsache ist: So lange die Fed nicht die Zinsen erhöht, hat sie bei einer möglichen neuen konjunkturellen Krise keine Möglichkeit, qualitativ die Geldpolitik einzusetzen, sprich die Zinsen wieder zu senken. So bliebe ihr am Ende wieder nur der Weg über das Qualitative Easing, also Anleihenkäufe. Doch das würde erneute Bilanzrisiken bringen, da die Fed ihre Altbestände der bisherigen QE-Programme bislang nur zu einem überschaubaren Bruchteil abgebaut hat.

Fazit für Sie als Investoren: Kommt eine neue Konjunkturschwäche oder sogar Rezession, hätte die Fed aktuell wohl nur relativ wenig entgegenzusetzen. Das erhöht insgesamt in den Märkten das Risiko. Wobei wir noch dabei bleiben, dass die laufende Quartalsberichtssaison durchaus Potenzial für eine Jahresend-Rallye liefern kann. Aber Sie sollten weiterhin Ihre Positionen absichern, falls der Markt wegen eines stotternden Konjunkturmotors abkippt.

Mit besten Grüßen

Ihr Redaktionsteam „Wirtschaft-Vertraulich“, aus der Redaktion des Deutschen Wirtschaftsbriefs

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