Brexit: Schmutzige Scheidung oder konstruktive Trennung?

© nito / Adobe

© nito / Adobe

Aus dem aktuellen kostenlosen Newsletter

“Wirtschaft-vertraulich”:

Liebe Leser,

die vergangene Woche hat – zumindest politisch gesehen – die Europäische Union auf den Kopf gestellt. Zwar war in allen Umfragen immer wieder von einem knappen Ausgang des britischen Referendums zu einem EU-Austritt die Rede, mal zu Gunsten der so genannten Brexit-Befürworter, mal für die EU-Anhänger. Dass es am Ende dann doch ein recht klarer Sieg für die Brexit-Anhänger wurde, überraschte dann aber doch.

Seitdem ist in Europa nichts mehr dasselbe. Bezeichnend dafür: Während in den einzelnen Mitgliedsländern eher nachdenkliche und besorgte Töne zum Ausgang des Referendums zu vernehmen sind, machen ausgerechnet die beiden EU-Spitzenpolitiker – Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident und Martin Schulz als Parlamentspräsident – verbal geradezu Krawall und gebären sich wie die typische abservierte Ehefrau.

 

Kann sich die Vernunft durchsetzen?

Nun wird es zwar darauf ankommen, wie sich die Regierungschef der 27 anderen Mitgliedsländer in den zu erwartenden Verhandlungen über eine Trennung von Großbritannien vom Rest aufstellen werden. Da dürften eher die Vernunft und das Interesse an weiterhin guten Beziehungen überwiegen. Doch auch das europäische Spitzenpersonal ist eben involviert und könnte aus einer vermuteten Kompromisslösung schnell einen schmutzigen Scheidungskrieg machen.

Allerdings sind wir alle erst einmal zum Abwarten verdammt, weil in Großbritannien selbst die Brexit-Anhänger überrascht von ihrem Erfolg erscheinen. Denn einen echten Plan, nun den Austritt durchzuführen, scheint es bislang nicht zu geben. Und auch dort stehen der Politik sehr turbulente Monate ins Haus, weil Premier Cameron bereits seinen Rücktritt zum Oktober erklärt hat, ein Nachfolger aber noch nicht in Sicht ist.

 

Großbritannien droht die Spaltung

Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass aus Großbritannien im Zuge des EU-Austritts ein Klein-Britannien werden könnte, weil die Schotten alles daran setzen wollen, in der EU zu bleiben. Das schließt nicht nur ein Veto gegen den EU-Austritt ein, sondern möglicherweise ein neues Referendum zur Abspaltung von England. Was dann wohl auch eine Blaupause für die Nordiren wäre, die ebenfalls in großer regionaler Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt hatten und sich nun an das EU-Land Irland anlehnen könnten.

Seien Sie gewiss: Das Thema Brexit, wann er kommt und ob er überhaupt kommt und wie, wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Das wird aber dann wohl im Zeitablauf immer mehr das Problem der Medien und Politik werden und weniger des Kapitalmarktes. Dieser hat nach der ersten Schockreaktion schnell gezeigt, dass er sich auf die neuen Bedingungen einstellen wird.

 

Es wird wieder Schnäppchenzeit

Ob das bedeutet, dass es erst einmal eine längere Stabilisierungsphase an den Börsen geben wird oder die Kurse schnell wieder auf Erholungskurs gehen, bleibt abzuwarten. Tatsache ist: Eine neue Spekulationsrunde ist eröffnet und die lautet: Die Scheidung wird teuer für beide Seiten, ist aber nicht der Weltuntergang. Deshalb können Sie als Anleger auch wieder beginnen, langsam nach Schnäppchen Ausschau zu halten.

Mit besten Grüßen

Ihr Redaktionsteam „Wirtschaft-Vertraulich“, aus der Redaktion des Deutschen Wirtschaftsbriefs

Print Friendly, PDF & Email

Kommentare sind nicht erlaubt.